Good News – Geschichten aus der Nähgruppe

Wie ich einem jungen Afghanen seine Jeans ruinierte …

Die Nähgruppe in der Cuxhavener Straße ist eigentlich eine Einrichtung für Frauen. In letzter Zeit tauchen dort aber immer häufiger auch junge Männer auf. Sie haben in der Kleiderkammer oder auf dem Flohmarkt eine gebrauchte Jeans ergattert, die ihnen zwar obenherum passt, aber viel zu lange Beine hat. Diese möchten sie nun gern kürzen, bzw. fragen höflich an, ob wir das für sie erledigen könnten. Alternativ wären sie auch dazu bereit, sich eine Nähmaschine auszuleihen und es selbst zu versuchen … !

Nun wollten wir ja eigentlich keine Änderungsschneiderei betreiben. Aber das Herausgeben der Maschinen kommt grundsätzlich nicht in Frage. Vor diese Alternative gestellt, lässt man sich doch manchmal erweichen. Und so nehme ich einem jungen Mann aus Afghanistan seine Jeans ab, frage, wie kurz sie werden soll und schneide ein entsprechendes Stück von den Hosenbeinen ab. Doch der junge Mann ist von dieser forschen Aktion nicht allzu begeistert, er ringt unglücklich die Hände und bricht in ein leises Wehklagen aus. Einigermaßen erschrocken und ratlos frage ich mich, was ich jetzt falsch gemacht habe …?

Ein paar Frauen aus der Nähgruppe kommen dazu und sehen sich die Bescherung an. Sie erklären mir, wovon ich bisher noch keine Ahnung hatte: es gibt eine Methode, Jeans zu kürzen, ohne dabei etwas abzuschneiden, sodass der Originalsaum (die untere Kante mit den typischen Falten) erhalten bleibt. Und nur mit dem Originalsaum ist die Jeans eine „echte“ Jeans und kann modisch mithalten (was den jungen Syrern und Afghanen offensichtlich nicht egal ist!).

Die Frauen zeigen mir, wie man das macht. Es ist etwas komplizierter als die von mir praktizierte „primitive Methode“, sieht aber um einiges „cooler“ aus.( Diese Vorgehensweise ist, wie ich später herausfinde, schon lange ein Standard-Angebot in jeder professionellen Änderungsschneiderei).

Ich schäme mich meiner Unkenntnis und versuche zu retten, was zu retten ist. Zum Glück ist der junge Afghane nicht nachtragend – im Gegenteil! Mit großer Freundlichkeit reicht er mir eine Stecknadel nach der anderen, sodass ich den abgeschnittenen Saum wieder an der Jeans befestigen kann. Ziemlich mühsam – und nicht gerade perfekt – nähe ich ihn danach wieder an.

Während dieser anstrengenden Tätigkeit steht direkt neben mir ein kleines Mädchen, vielleicht 7 Jahre alt. Mucksmäuschenstill und mit großen Augen beobachtet sie all meine Bemühungen.

So ein Malheur wie mir wird ihr später bestimmt nicht passieren!

Cornelia Jönsson-Janke

Die Nachmittage in der Nähgruppe verlaufen oftmals ganz anders als geplant. Die teilnehmenden Frauen (manchmal auch Männer) bringen ihre eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse mit und gestalten dadurch den Ablauf der Veranstaltung. Viele nutzen dieses Angebot, um schon vorhandene Kleidungsstücke zu verändern, andere produzieren etwas Neues und entfalten dabei eine erstaunliche Kreativität. Erfahrung im Nähen haben alle; wir müssen also keine Grundkenntnisse vermitteln, sondern nur hier und da beraten oder eine Anregung liefern. Dabei lernen wir uns kennen, und es entstehen, manchmal auch gerade durch die vorhandene Sprachbarriere, recht intensive Begegnungen (wie in der Geschichte oben beschrieben).Für unsere Nähgruppe Am Aschenland suchen wir noch dringend Verstärkung. Da dort sehr viele Frauen (zum Teil mit ihren Kindern) sind, ist es oft sehr laut und unruhig. Wenn wir noch einige Mitstreiterinnen finden würden, könnten wir die Gruppe evtl. teilen und diese Situation verbessern. Wer Lust hat, uns zu unterstützen, den Menschen dort zu begegnen, Freude und etwas Erfahrung im Nähen hat, schreibe bitte an naehen@insuederelbe.de.
Wir treffen uns jeden Mittwoch in der Unterkunft von fördern & wohnen Am Aschenland Haus 13A von 16-18 Uhr. Der nächste Termin ist der 26.4.2017
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